Fußball in Greifswald und zur Halbzeit ein Asylbewerber_innenheim angreifen 1991
15. Dezember 2009 von lebewesen
Am 3. November 1991 wurde das Fußballoberligaspiel der Amateure Greifswalder SC (heute: Greifswalder SV 04) gegen den FC Berlin (heute: BFC Dynamo) ausgetragen. Es endete mit einem 0:1 für den BFC, Strassenschlachten beider Fanlager und der Polizei, sowie einem Angriff auf das benachbarte Asylberwerber_innenheim.
Dass die Begegnung damals eine besondere Brisanz besitzen würde, war schon im Vorfeld abzusehen. Denn am Spieltag jährte sich der Tod eines FC Berlin Hooligans, der ein Jahr zuvor bei Ausschreitungen in Leipzig von einer Polizeikugel tödlich getroffen wurde. Trotz dieser brisanten Ausgangslage war die Greifswalder Polizei am Tag des Spiels lediglich mit 80 Beamten und Beamtinnen im Einsatz.
Der FC Berlin reiste mit ca. 300 Fans an und gab schon vor dem Spiel einen kleinen Vorgeschmack auf das, was noch kommen würde: Als Polizist_innen versuchten, sich unter die FCB Fans zu mischen, wurden diese mit “Mörder, Mörder” Rufen empfangen. Als gegen Ende der ersten Halbzeit vier Asylbewerber aus dem nahe gelegenen Asylbewerber_innenheim das Volksstadion betraten, um sich das Spiel anzuschauen, setzte sich, wie das Tageblatt berichtete, eine Meute aus Fans des FC Berlin und dutzenden bekannten Greifswalder Faschist_innen in Bewegung und jagte die vier Menschen zurück ins ehem. NVA Krankenhaus auf dem Medigreif GmbH Gelände, wo zu dieser Zeit das Asylbewerber_innenheim der Diakonie untergebracht war. Die angreifenden Faschist_innen attackierten das Haus mit Steinen und Leuchtraketen und skandierten immer wieder „Ausländer Raus“. Die Flüchtlinge verteidigten sich ihrerseits mit Steinwürfen, sodass eine Erstürmung des Hauses verhindert werden konnte. Schließlich gelang es der Polizei die angreifenden Faschist_innen zurück ins Stadion zu drängen. Dabei gab es Verletzte auf allen Seiten, so wurde unter anderem auch der Einsatzleiter der Polizei, Heino Steinhagen, von einer Leuchtrakete am Kehlkopf getroffen. Am Haus selbst war die Eingangstür stark beschädigt und mehrere Fensterscheiben durch die Angreifer eingeworfen worden.
Nach dem Schlusspfiff stürmten die FC Berlin Fans das Spielfeld und suchten im ganzen Stadion nach weiteren Opfern. Wer sich nicht rechtzeitig in Sicherheit bringen konnte, wurde angegriffen und zusammen geschlagen. Die Polizei versuchte daraufhin die FCB Fans Richtung Haupttor zusammen zu treiben, um sie in die dort bereits wartenden Busse nach Berlin zu drängen. Am Haupttor warteten außer den Bussen allerdings auch ca. 200 Greifswalder Fans, wovon ein Teil anfing, die Polizeikräfte anzugreifen.
Bewaffnet mit Reizgaspistolen, Leuchtraketen, Steinen, Knüppeln und Flaschen lieferte sich der nun aus beiden Fanlagern bestehende Mob einige Zeit eine Straßenschlacht mit der Polizei, bis sich die Angreifer in Richtung Innenstadt auflösten. Insgesamt wurden an diesem Tag in Greifswald 26 Fans und am Abend in Berlin nochmals 150 FC Berlin Anhänger vorläufig festgenommen. FC Berlin Trainer Dieter Fuchs kommentierte nach dem Spieltag die mangelnde Polizeipräsenz gegenüber der Ostsee-Zeitung: „Wir haben lange vor dem Spiel drauf hingewiesen, daß mindestens 200 Polizisten präsent sein müssen, wenn nur 80 da sind …“
Die angegriffenen Flüchtlinge waren erst eine Woche zuvor in Greifswald untergebracht worden – im Zuge der, nach der Wiedervereinigung üblichen, Praxis der Umverteilung von Flüchtlingen aus den alten in die neuen Bundesländer. In ihrem vorherigen Unterbringungsort Neumünster hatten sie mit vielen Unterstützer_innen aus Protest die Anscharkirche für 45 Tage besetzt, um auf ihre Situation aufmerksam zu machen und die geplante Umverteilung zu verhindern. Dahinter stand vor allem die Angst in den neuen Bundesländern Ziel von fremdenfeindlicher Gewalt zu werden. Am 11. Oktober 1991 unterbreitete der Kirchenvorstand den Flüchtlingen die Nachricht, einen nach ihrem Verständnis sicheren Ort für sie gefunden zu haben – nämlich das ehemalige NVA Krankenhaus in Greifswald. Nach langen Diskussionen und unter dem psychischen wie physischen Druck, den die Besetzung mit sich brachte, stimmten die Flüchtlinge dem Vorschlag der Kirche zu und verließen am 28.Oktober die Anscharkirche, mit der Zusage, dass sie wieder aufgenommen würden, sollte es zu einem Übergriff kommen.
Nachdem der Mob aus rassistischen Fußballfans nur eine Woche später das Asylberwerber_innenheim in Greifswald angegriffen hatte, setzten sich die Flüchtlinge mit den alten Unterstützer_innen in Verbindung. Diese waren es, die innerhalb von einem Tag 50 PKWs und einen Reisebus organisierten um die Flüchtlinge am Abend des 4.11.1991 wieder zurück nach Neumünster zu bringen. Die Flüchtlinge schildern ihre Erfahrungen in einer Presseerklärung vom 8.11.1991 wie folgt:
Dass die Kirche in Neumünster nur bedingt ihr Wort hielt und ein Umzug in die Shalomkirche Norderstedt nötig wurde, bis letztlich die Flüchtlingsgruppe aufgrund von Druck durch Ämter und Gemeinden immer mehr zerfiel, ist in der Broschüre “18 Wochen Flüchtlingskampf Neumünster-Greifswald-Norderstedt” dokumentiert, die ihr HIER downloaden könnt.




Schön, dass du hier an die Ereignisse damals erinnerst. Kommilitonen von mir waren damals gerade in einem Praktikum im Heim tätig und haben die ganze Aktion mitbekommen.