Herr Ratjen und der Umgang mit einer Kleidungsmarke
6. Januar 2010 von lebewesen
Im Jahresende fand der Chaos Communication Congress in Berlin statt. Auf dem frei editierbaren Wiki des Kongresses wurde am 30.12.09 illegal beschaffte Kundendatenbank des Online Handels der bei Faschist_innen und Rassist_innen beliebten Marke Thor Steinar der Firma Mediatex GmbH aus dem Jahr 2008 veröffentlicht. Unter den ca. 54.400 Einträgen befindet sich auch die Adresse der Zahnarztpraxis des FDP Landtagsabgeordneten und Bürgerschaftsmitglied der Stadt Greifswald Sebastian Ratjen. Dies war Anlass für einige Greifswalder Blogs (HIER, HIER, HIER und HIER) ab dem 04.01.2010 darüber zu berichten und Herrn Ratjen mit der Marke in Verbindung zu bringen. Dieser erklärte dann am 06.01.2010 in der Ostsee-Zeitung, dass er niemals mit dem Unternehmen eine Geschäftsbeziehung unterhalten hat und sich auch nicht erklären kann, wie seine Daten in die Datenbank gekommen sind.
Alles in allem nicht weiter Beachtenswert würde Herr Ratjen nicht noch mal seine Aussage aus dem Jahr 2007, wie mit der Marke umgegangen werden solle, bekräftigen.
Im Jahr 2007 entbrannte eine Diskussion (nachzulesen auf blog.17vier.de) über den Verkauf der Marke in einem Greifswalder Geschäft in den Lokalen Medien. Herr Ratjen äußerte sich damals gegenüber der Ostsee-Zeitung wie folgt:
“Wie wäre es, wenn plötzlich Farbige, Ausländer, Schwule, Lesben und viele andere Thor Steinar trügen? Statt zurückzuschrecken, wenn die Neonazis anfangen, historische Symbole zu missbrauchen, müssen wir sie ihnen entreißen”
Diese Aussage bekräftigte er nun im Jahr 2010 noch mal in dem er mit folgender Aussage in der Ostsee-Zeitung vom 06.01.2010 zitiert wir:
“Vielleicht müsste ich dafür sorgen, dass sich zwei dunkelhäutige Homosexuelle in Thor-Steinar-Kleidung auf dem Marktplatz küssen. Dann trägt kein Neonazi mehr so eine Jacke.”
Herr Ratjen möchte der Marke ihren Reiz nehmen und deren Symbole aus der rechten Ecke holen, deren Vertrieb mit wenigen ausnahmen nur über Szene Läden der Rechten abgewickelt wird. Er mag ja gute Absichten haben, nur macht er für mich einen großen Fehler. Er will Symbole zurückholen, die schon immer Rechts waren. Die Marke verwendet nicht nur Runen, die viel Interpretationsraum zulassen, sondern es finden sich auch im Angebot der Marke Thor Steinar Kleidungsstücke die Bezüge mit nationalsozialistischer Ideologie und dem zweiten Weltkrieg aufweisen. So werden auf Kleidungsstücken auf Divisionen der SS angespielt oder Kriegsgeräte des dritten Reiches abgebildet wie z.B. eines Messerschmitt Militärflugzeug oder auch eine V2 Rakete. Weiter kann man auf der Kleidung von Thor Steinar auch Maschinengewehre oder Aufschriften wie „Kontaktfreudig & Erlebnisorientiert“ unterlegt mit Blutflecken finden.
Für mich war die Marke Thor-Steinr immer in der rechten Ecke und soll auch da bleiben. Wenn Faschist_innen sich mit solchen Kleidungsstücken kleiden wollen, sollen sie es machen und ihrer Gesinnung öffentlich Ausdruck verleihen. Zeigt es doch nur was für einer menschenfeindlichen Gesinnung diese anhängen. Ich möchte nicht erleben, dass wie Herr Ratjen fordert „plötzlich Farbige, Ausländer, Schwule, Lesben und viele andere“ anfangen, Kleidung zu tragen auf denen Massenvernichtungswaffen abgebildet sind um diese „zurück zu erobern“.
Weiter Informationen über die Marke Thor Steinar in der Broschüre Investigate Thor Steinar HIER





wow, sehr gut!
Guter Kommentar zu der Debatte!
Auch wenn ich kein Fan davon bin, aber Symbole können ihre ursprüngliche Bdeutung im Laufe der Zeit verlieren. Bestes Beispiel hierfür das Che Guevara-Konterfei und das Palästinensertuch. Beide sind inzwischen Pop und werden von jedem Teenie getragen. Die frühere politische Bedeutung ist weitgehend verschwunden. Aber jetzt versteh mich damit bitte nicht falsch. Ich will mich hier garnicht für die Vereinnahmung und das Uminterpretieren von TS-Klamotten stark machen, sondern nur alten linken Symbolen hinterhertrauern.
hey daburna,
was ist denn an che guevara und dem palilappen links? es ist nie etwas linkes dran gewesen, nicht an einem zum helden stilisierten nationalrevolutionär und auch nichts an einem kleidungsstück, welches zum symbol der antisemistischen intifada geworden ist. nicht umsonst hat es arafat und seine nationalistische fatah als ihr erkennungsmerkmal ausgemacht. die deutsche linke der 1960´er 70´er jahre übernahm dieses symbol um damit ihre solidarität mit dem palästinensischen befreiungskampf zu verdeutlichen, was auf der vollkommen geschichts- und realitätsfernen einschätzung basierte, dasz der staat israel ein kapitalistisches bollwerk und vorgeschobene basis der usa im nahen osten sei. aufgeladen mit den alten antisemitischen ressentiments, die die deutschen ja schon immer gerne pflegten und ohne jegliche betrachtung des staates israel als einen schutzraum für jüdinnen und juden nach auschwitz, war sich die deutsche linke nicht zu dumm bewegungen zu unterstützen, die beispielsweise homosexuelle nach shariagesetzgebung aufhängen wollen würden.
der irrglaube, das unterstützen nationaler befreiungsbewegungen sei auch nur annähernd links ist weit verbreitet und leider heute auch immernoch gerade in der linken aktuell.
hier mal was zum palilappen,
zitat:
edit Moderation hab das Flugblatt (ist ja 3 mal so lang wie der Artikel selbst) mal ausgeschnitten ich bin Meinung das der Link reicht. Gleichzeitig auch die Bitte an alle beim Thema zu bleiben
Quelle: http://kritikundpraxis.olifani.de/2007/02/09/ist-dir-kalt-oder-hast-du-was-gegen-juden/
aktuell zu antisemitismus in der linken:
http://b-g-h-u.blogspot.com/
auch der useless-blog wie immer lesenswert:
http://useless.blogsport.de/2009/12/13/nie-wieder-hamburg/
btw.: der lappen eignet sich sehr gut zum wischen des küchenfuszbodens und auch des klos!
[...] Wer nochn mehr lesen möchte: Hier und hier und hier. [...]
Schöner Beitrag – die Entwicklung des Designs von TSt jenseits der Runen hatte ich noch nicht verfolgt…
[...] Man muß ihm zugute halten, dass er sich – in orthographischer Wankelmütigkeit – auch auf dem Fleischervorstadt-Blog in die Diskussion unter dem vorgestern erschienenen Beitrag zum Thema einbrachte. Dabei machte er sich zum wiederholten Mal für die Idee stark, die Modemarke aus der rechten Ecke zu ziehen. Eine lesenswerte Kritik dieser Idee mit direktem Ratjen-Bezug findet ihr auf diesem empfehlenswerten Greifswalder Blog lebewesen. [...]
Ich stimme Daburna zu: für semantische Umstrukturierungen von Symbolen ist es vollkommen unerheblich, welchen historischen Hintergrund dieses Symbol hat. Ich bin im Grunde auch der Meinung, dass das bewußte Zerstören von Symbolen äußerst effektiv und subversiv ist. Schwierig wird’s natürlich, wenn die Rechten von solchen Maßnahmen direkt finanziell profitieren. Würde ein anderer, politisch-korrekter Hersteller Kleidung mit denselben Sinnbildern herstellen, wäre das dann immer noch problematisch?
Ich stimme euch ja im Grunde zu nur was wollt ihr denn bei Waffen um deuten? es geht hier um SS Divisionen und Massenvernichtungswaffen und diese Sinnbilder haben meiner Meinung nach nix auf Klamotten zu suchen sondern sollen in der Schule behandelt werden
das sind ja eben keine echten waffen, sondern nur bilder und wofür die konventionell stehen, steht nicht in stein gemeißelt. einfach ist’s natürlich nicht, das umzuwerten, aber unmöglicht ist’s gewiss nicht.
ich finde symbole auf kleidung übrigens auch blöd.
@ nico du möchtest also zb. den namen nordmark der einige steinar-kollektionen ziert und u.a. auf ns-arbeitslager zurück geht umdeuten. wie denn?wie möchtest du das motiv “weidmans heil”, welches neben dem erwähnten spruch durch das motiv der “hitlersäge”, dem mg42 ausgeschmückt ist. das ist doch ne klare ansage.
dieser wille zur umdeutung macht sich mir nicht verständlich, die klamotten vermitteln subtil nazischeisze und die kann mensch eben nicht umdeuten. und es ist auch kein bisschen lobenswert das ratjen stellung bezieht. er versucht schlicht wogen zu glätten wo es nur geht, weil er genau weisz, dasz wenn diese geschichte zu hoch kocht er nicht mehr lange was mit der groszen politik am hut haben wird.
er ist schlicht ein ignorant!
Zwar sind alle Symbole arbiträr, aber das heißt ja nicht, das sie beliebig umdeutbar sind.
Sie haben zu einem Zeitpunkt eine oder mehrere bestimmte Bedeutung/en, die du überlagern/verdrängen willst. Andere machen das gleiche in andere Richtung oder arbeiten am Erhalten des Bedeutungsgehaltes. Sprich, wenn du versuchst das Hakenkreuz zu einem Symbol für Schokokuchen zu machen, sehen nahezu alle zunächst das Symbol des deutschen Faschismus und ob deine Umdeutung gelingt, hängt vor allem an der Umfang und Anerkennung deiner Kommunikationen. Solange es nicht umgedeutet ist, normalisierst du aber die Verwendung von NS-Symbolik und transportierst (ungewollt) einen postiven Bezug auf diese Symbolik und auch auf den deutschen Faschismus.
Ebengleiches wäre es mit Thor Steinar-gleichenden Kleidungsstücken: Da sie (von vielen) als Symbole des Neofaschismus verstanden werden, schaffst du durch ihr Tragen ein Klima der Stärke des Neofaschismus im öffentlichen Raum und normalisierst die Einstellung “Neofaschist_in” in der Wahrnehmung; damit werden Angstzonen geschaffen oder verstärkt, also psychische Gewalt gegen Menschen ausgeübt. Und gerade bei Thor Steinar zweifle ich an, das die Umdeutungskampagne stark genugist, um diese Umdeutung rasch oder überhaupt durchzusetzen – zumal die Frage aufkommt: Warum? (Womit ich mich dem Ursprungsbeitrag anschließe: Sollen die Nazis doch gerne ihre Symbole (Thor Steinar, Palilappen und Che Guevara) haben, mir erschließt sich jedenfalls nicht die zwingend zu übernehmende ästhetische Überlegenheit dieser Symbole.)
@Spiegelschrift: Symbole sind durchaus beliebig umdeutbar. Nur bedarf es dazu eines gewissen Aufwandes.
Chrysotoxum intermedium ist die lateinische Bezeichnung für eine an und für sich vollkommen ungefährliche, ungiftige Tierart, die mit ihrer charakteristischen schwarz-gelb-Färbung der echten Wespe sehr ähnlich sieht. Haben die Feinde dieser Schwebfliege einmal die aggressive echte Wespe erjagt und negative Erfahrungen mit ihr gesammelt, vermeiden sie künftig auch die harmlosen Fliegen. Diesen Effekt nennt man Mimikry.
Wenn nun aber die Schwebfliegenpopulation signifikant anschwillt, werden bei ihren Fressfeinden bald die positiven Erfahrungen mit dem schwarz-gelb-Muster überwiegen. Statt die Schwebfliegen zu vermeiden, werden nun auch vermehrt wieder die Wespen angegriffen.
Die Wahrnehmung des schwarz-gelb-Musters durch die Feinde hat sich also vollkommen umgekehrt. Und das obwohl die Wespe keinesfalls weniger unappetitlich geworden ist und die Fliege kein Stück gefährlicher geworden ist.
Alles klar?
[...] Blog von lebewesen wird über die von Ratjen immer wieder angedachte Umdeutung der rechten Symbole diskutiert und [...]
nico, maszenvernichtungswaffen á la “hitlersäge” sind nicht umdeutbar! und firmen, die sich motive wie diesem bedienen, sind fragwürdig und menschen die sowas wie humanismus für sich als grundlage ihres denkens deklarieren, sollten meiner ansicht nach tunlichst von der glorifizierung nationalsozialistischer maschienengewehre laszen!