Uni von Görings Gnaden (Crossposting)
17. März 2010 von lebewesen
Der folgende Artikel wurde mit freundlicher Genehmigung von useless.blogsport.de übernommen.
Stadt und Universität Greifswald weigern sich weiterhin ihren antisemitischen Namenspatron zu entsorgen.
1933 verlieh Hermann Göring der Universität Greifswald den Namen „Ernst Moritz Arndt“. Der wissenschaftlich unbedeutende Antisemit machte sich im 19. Jahrhundert durch chauvinistische Literatur einen besonderen Namen in der Region. Im historischen Kontext des deutschen nation-buildings, das in ausdrücklicher Abgrenzung zur republikanisch-französischen Nation begründet ist und im Konzept der völkischen Kulturnation als Gegenentwurf zur aufgeklärten Willensnation resultierte, fanden Arndts rassistische Hasstiraden besonders großen Anklang.
Anders als es nationale Mythen im Deutschen Reich und später in transformierter Form auch in der DDR besagten war Arndts Einfluß auf diesen Prozess jedoch geringer als gewünscht. Viel mehr sind seine „Werke“ eher als ein Produkt dieses regressiven Diskurses anzusehen und stehen somit stellvertretend für dessen Inhalt. Dies kann jedoch keine Entschuldigung sein, Arndt wurde nicht trotz des anti-französischen Rassismus und intensiven Antisemitismus rezipiert sondern deswegen. Die Konsequenz daraus war die Namensgebung der Universität durch die Nationalsozialisten.
Dass der Name nach 1945 nur für wenige Jahre abgelegt wurde liegt in der Beschaffenheit der postfaschistischen Gesellschaft in der DDR begründet. Die starke Überbetonung der Nation diente der DDR nicht nur zur Selbstbehauptung gegenüber der BRD und Westeuropa, sondern auch zur Integration der im Nationalsozialismus und im Kaiserreich sozialisierten Deutschen in die realsozialistische Gesellschaft. So kam es, dass liebgewonnene nationale Mythen, wie etwa der Legende vom vermeintlichen Helden und Freiheitskämpfer Theodor Körner und auch das Andenken an Ernst Moritz Arndt teil der nationalen Identität der DDR wurden.
Bereits seit 1993 versuchten Studierende der Universität in Greifswald alle paar Jahre erneut, eine Umbenennung zu initiieren, so auch 2009 mit der Kampagne „Uni ohne Arndt“. Nachdem bereits im Januar die Mehrheit der Studierendenschaft mit 49,9% eine Umbenennung ablehnte, entschied der Senat heute wieder gegen die Ablegung des Namens. Damit verstreicht erneut eine Chance sich endlich einem der vielen verbliebenen Reste des NS zu entledigen.
Die Initiative ist unter www.uni-ohne-arndt.de auch im Internet zu erreichen. Die Website enthält unter anderem eine sehr ausführliche Dokumentation der Arndt-Debatte und eine detaillierte Auseinandersetzung mit Arndts Schriften.
Abseits davon machte die Amadeu-Antonio-Stiftung die Universität Greifswald inzwischen richtigerweise zum Teil ihrer Ausstellung „Das hat’s bei uns nicht gegeben!“ – Ausstellung zu Antisemitismus in der DDR


