“Anti-Andi. Der Verfassungsschutz, sein Comic und der Extremismus-Begriff”
14. Juli 2010 von lebewesen
Der Verfassungsschutz Nordrhein-Westfalen brachte im Dezember 2009 seine dritte Ausgabe seiner Comic Reihe CoDeX (Comic für Demokratie und gegen Extremismus) mit dem Helden Andi heraus. Beschäftigte sich das Erstlingswerk (Andi 1 – Tage wie dieser) mit dem „Rechtsextremismus“, ging es dann im zweiten Heft (Andi 2 – Andis Freund Muhrat hat Stress) um den Islamismus. Im dritten Teil muss nun Andi ansehen, wie sein Kumpel Ben in die „linksextreme“ Szene hineinrutscht.
Corinna Schäfer schrieb im Mai dieses Jahres ihre Bachelor-Arbeit über den dritten Teil der Reihe. Sie geht dabei der Frage nach, wodurch der Begriff des Extremismus und das Konzept der Extremismustheorie hegemonial geworden ist und auf welche Weise der staatlich dominierte Diskurs über Linksextremismus heute diese Hegemonie erlangte. Weiter beschäftigte sie sich mit der Frage, welche Rolle dabei der Comic „Andi 3 – Voll die Randale“, welcher junge Leser_innen in einer wichtigen zivilgesellschaftlichen Institution, der Schule durch seine Eigenschaften als leicht zugängliches Medium mit kultureller Relevanz über Linksextremismus aufklären soll, einnimmt.
Die Arbeit kann nun hier unter dem Titel „Anti-Andi. Der Verfassungsschutz, sein Comic und der Extremismus-Begriff“ als PDF heruntergeladen werden. KLICK
Der Comic „Andi 3 – Voll die Randale“ kann auf der Seite des Verfassungsschutzes NRW kostenlos heruntergeladen werden.



Naja, das Thema kommt in immer schnellerer Aufeinanderfolge an die Oberfläche.
Zunächst: ich finde es gut, dass sich mit diesen durchaus fragwürdigen Comics wissenschaftlich auseinandergesetzt wird!
Ich muss der Autorin jedoch in einigen Punkten widersprechen. Es gibt beispielsweise keine Extremismustheorie, es gibt höchstens Erklärungsansätze von Extremismusforschern, die sich ähneln. In diesem Zusammenhang frage ich mich auch, wie sie an Richard Stöss herumgekommen ist, ich habe ihn jedenfalls nicht im Literaturverzeichnis gefunden.
Ich gebe zu, ich habe nicht die komplette Arbeit gelesen, werde es aber nachholen, sobald ich wieder mehr Zeit habe.
Ehrlich gesagt finde ich aber Diskussionen über den Extremismusbegriff, wie auch letztens im Ikuwo stattgefunden, ziemlich, hm, wie soll ich sagen, verlogen? schizophren? Dass man nicht mit Rechtsextremisten auf eine Stufe gestellt werden will, ist nachvollziehbar. Letztlich handelt es sich aber (wie auch in der B.A.-Arbeit oben erwähnt) bei “Extremismus” um einen Arbeitsbegriff der Verfassungsschutzbehörden. Die Ablehnung des Begriffes ist damit nur eine weitergehende Ablehnungshaltung gegen den bundesdeutschen Staat und dessen Behörden. Hier beißt sich die Katze in den Schwanz, denn damit wird die freiheitlich demokratische Grundordnung nunmal negiert. Ok, “extremistisch” bedeutet mehr, nämlich eine “aktiv kämpferische Haltung zur Beseitigung staatlicher Organe etc.” an den Tag zu legen, aber wenn wir mal ehrlich sind, ist das oftmals bei Menschen, die den Extremismusbegriff harsch kritisieren nicht so weit her.
Übrigens gibt es auch einen politikwissenschaftlichen Extremismusbegriff (bei Stöss, deshalb verwunderlich, dass er nicht in der Arbeit auftaucht), der sich vom staatlichen Begriff teilweise abgrenzt. Vielleicht sollte darauf mal in den Diskussionen näher eingegangen werden…
Das Problem ist ja eben gerade, das es nicht zwei getrennte Extremismusbegriffe gibt, bei geheimdienstlicher Überwachungstätigkeit des VS und in der Politikwissenschaft, sondern das der Extremismusbegriff gleichermaßen in der Sozialwissenschaft, im Geheimdienst, in der staatl. politischen Bildung und im medialen Diskurs stattfindet. Dabei ist der geheimdienstliche Begriff der unproblematischte, benennt er bloß alle diejenigen, die vom VS als Feinde der BRD ausgemacht werden (also eine politische Gegner_innenbezeichnung). Problematisch wird dies ja erst, wenn diese Feinddefinition (also wer Extremist_in ist) nicht mehr politisch verhandelbar ist, weil sie sich angeblich auf einen wissenschaftlichen Begriff stützt. Dieser politikwissenschaftliche Extremismusbegriff ist zu Recht in der Politikwissenschaft umstritten und hat meiner Meinung nach keinen Wert für eine Analyse von sog. extremistischen Phänomenen. (Wenn es darum geht, dass Menschen/Gruppierungen den Parlarmentarismus ablehnen, dann nenne ich sie antiparlarmentarisch, wenn es darum geht, dass sie Straftaten begehen, um ihre politischen Ziele durchzusetzen, dann nenne ich sie kriminell usw.) Unter Extremismus werden dann aber Gruppierungen zusammengefasst, die garnichts verbindet außer das sie der VS als Gegner_innen der BRD wahrnimmt (und nichtmal das stimmt, viele “ausländerextremistische” Gruppierungen richten sich garnicht gegen die BRD, sondern z.B. gegen das iranische Mullah-Regime).
Die Arbeit versucht aber ja auch zu beleuchten, wie der Verfassungsschutz (der nach Verfassungsschutzgesetz gar nicht die Aufgabe hat, politische Bildung zu betreiben) versucht, ein Konzept (Extremismus) im gesellschaftlichen Diskurs hegemonial zu machen, um sie scheinbare oder tatsächliche Gegner_innen der BRD schon bevor sie überhaupt in die Position kommen, Objekt des VS oder später der Stafverfolgungsbehörden zu werden, in ihrer politischen Arbeit einzuschränken. Das dabei en passant Konzepte im vorwissenschaftlichen Diskurs verankert werden, die eine Analyse etwa neofaschistischer Bewegungen behindern, da sie statt den tatsächlichen Zusammenhängen oberflächliche Charakeristika wie Gewaltförmigkeit der politischen Aktion (was nicht zu verharmlosen ist) in den Blickpunkt stellen. Bildungsarbeit gegen Rassismus, Antisemitismus und völkische Konzepte ist so jedenfalls nicht erfolgreich.
Da hat sich aktuell unser hoffnungsvoller Import aus Dorsten Dorf Harvest* und neuer lokale CDU „Generalsekretär“, Christian Weller, mit einem seiner berühmten OZ-Leserbriefe zu Wort gemeldet:
„ … Im Verfassungsschutzbericht 2009 wurde deutlich herausgestellt, dass Linksextreme Straftaten deutlich zugenommen haben. Viel zu oft wird der Anschein erweckt, als gäbe es nur Rechtsextremismus. …“
Aber er ist auch lernfähig, denn nach seinem LB zu den vandalierenden Mülleimerbeklebern, der nur für Abonnenten Online lesbar war und ist, hat er dieses Elaborat allen zugänglich gemacht:
http://www.ostsee-zeitung.de/leserbriefe/index_artikel_komplett.phtml?param=news&id=2848814
*Das ist ein Ort in Deutschland, deren Abgesandte zu Kohls Geburtstag stolz am Ende den Choral singen: „ … „Großer Gott, wir loben Dich“ (der) besonders ergreifend für alle gewesen (sei). Kohl habe schließlich immer auch betont, dass nicht alles nur in der Menschenhand läge.“